Des einen Überfluss des anderen Chance?
Apple hat anscheinend zu viele Entwickler. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Kalifornier konsequent gegen Innovationen arbeiten und lieber eine App zu viel ablehnen als eine zu viel zuzulassen. Verspricht man auch immer, den Approval-Prozess zu beschleunigen und mag dieser auch geeignet sein, um schlecht geschriebene, gegen geltende Gesetze verstoßende (als Beispiel mag die einst im AppStore verfügbare App von „Mein Kampf“ dienen) oder schlicht bösartige Apps (wie Spyware) vom User entfernt zu halten, so schießt man häufig am Ziel vorbei. Besonders mit Maßnahmen wie der „Porn-Sperre“ macht der Konzern Negativschlagzeilen. (Jedoch muss die Sperre auch ihre Zustimmung gefunden haben, sonst hätte Microsoft nicht jüngst eben den selben Schritt eingeleitet.) Zudem hat Apple mit dem Ablehnen von cross-kompilierten Apps (insbesondere von Adobes Flash) die Kreise der möglichen Entwickler weiter reduziert.

Wäre es da ein Wunder, wenn immer mehr Entwickler dem AppStore den Rücken kehren? Wahrhaftig nicht. Doch bereits des Öfteren wurde der AppStore mit der Hydra der griechischen Mythologie verglichen. Für jeden Entwickler, der geht, kommen zwei weitere hinzu. Auf der WWDC hat Apple verlauten lassen, eine Milliarde Dollar an seine Entwickler ausgezahlt zu haben. Bei dem Drittel Umsatzbeteiligung für Apple macht das 1,33 Milliarden Dollar Einnahmen über den AppStore. Es ist natürlich, dass immer weitere Entwickler ihre Chance wittern. Es wurde von einer Goldgräberstimmung gesprochen.
Apple hat seine neue Position als größter Software-Hersteller zu einem großen Teil dem iPhone zu verdanken. Wie auch im AppStore herrscht dank der immer besser werdenden Situation für den Smartphone-Markt Goldgräberstimmung. Neben Apple spielen mit RIM, Microsoft, Nokia, Palm und Google teils sehr finanzstarke Konzerne eine Rolle, die ihre eigenen mobilen Betriebssysteme pushen wollen. Und während Apple weiter dafür sorgt, Entwickler zu vertreiben, so nimmt die Konkurrenz sie bereitwillig auf. Microsoft, Palm und Google werben mittlerweile offensiv Entwickler vom AppStore ab. Neben offensichtlichen Aussagen wie dem Zulassen von Adobes Flash und der Air-Plattform findet vieles hinter den Kulissen statt. Nur teilweise bekommen wir Außenstehenden ein klares Bild auf die Situation. Eine solche Situation war der Kauf Googles des Entwicklers der App reMail, die es iPhone-Besitzern ermöglichte, komfortabel ihre Mails zu verwalten. Als der Kauf später als „talented buy“, also als Kauf aufgrund des Personals, gekennzeichnet und der Source-Code von reMail frei zugänglich gemacht wurde, war anzunehmen, auf Android-Geräten bald eben die selben Features sowie deren Weiterentwicklungen finden zu können.

Ein weiteres Beispiel, das publik geworden ist, hat bereits fast ein Jahr auf dem Buckel. Damals erwartete man die neue Version von Microsofts iPod touch-Konkurrenten Zune. John Gruber, der Autor des Daring Fireball, erhielt zu dieser Zeit Post von einem Entwickler eines Twitter-Clients fürs iPhone, in dem ihm für eine Zune-Version seiner App eine ordentliche Summe („a bucket of money“) geboten wurde. Er lehnte damals ab, doch ist anzunehmen, dass es weitere Fälle dieser Art gab.

Palm ging jüngst einen Schritt weiter. Das Unternehmen wurde vor Kurzem von HP aufgekauft, das mobile Betriebssystem WebOS soll bald auch auf Geräten wie Druckern verwendet werden. Zusammen mit Appcelerator, dem Entwickler der Entwicklungsumgebung Titanium, mit der auf Webtechnologieen basierend für ein breites Spektrum an mobilen Betriebssystemen Anwendungen geschrieben werden können, veranstaltete man parallel zur WWDC ein Event eben auch in San Francisco, auf dem das PDK (Plugin Developer Kit) für WebOS vorgestellt wurde, mit dem iPhone-Apps (speziell Spiele) innerhalb von Tagen portioniert werden können. Das System funktioniert also praktisch als Cross-Compiler, auch wenn wohl noch Anpassungen des Source-Codes nötig sind.

Der mobile Markt ist auf dem steigenden Ast. Bis 2015 soll der Umsatz in dieser Sparte 35 Milliarden Dollar betragen, es ist verständlich, dass man Apple diese Kapazitäten nicht kampflos überlässt. Wie sagte Steve Jobs noch auf der WWDC zum Thema Multitasking?
„We weren’t the first to this, but we will be the best.“
Vielleicht muss Apple nun selbst diesen Satz fürchten. Entwicklungen wird es immer geben, ein gesunder Wettbewerb ist dabei von großem Vorteil für die Endbenutzer. Der dabei anhaltende Streit um patentierte Techniken wird sich wohl in der Zukunft weiter entwickeln, der Konflikt zwischen Apple und Nokia wohl erst den Anfang darstellen. Für Entwickler wird es ideal sein, plattformunabhängig zu planen – beispielsweise mit Hilfe der Titanium-Entwicklungsumgebung von Appcelerator. Die geschlossenen Systeme der Autoren der Betriebssysteme könnten bald an Bedeutung verlieren. Und genau an diesem Punkt angelangt, gerät Apple unter Druck: durch das Ablehnen von Apps, die durch Cross-Compiler kompiliert wurden, schottet man sich von eben jener Entwicklung ab.